Ayurveda & Yoga bei Stress - Ursachen und Selbsthilfe 

Wenn wir uns gestresst fühlen, ist in erster Linie das Vata-Dosha aus der Balance geraten. Die Doshas (Vata, Pitta und Kapha) sind die Bioenergien, die sich aus den Elementen zusammen setzen und verschiedene physiologische Prozesse im Körper regulieren. Sie stellen aber auch die pathogenen, also krankmachenden Faktoren dar. Vata als subtiles Luft- und Raumelement ist für Bewegung aller Art zuständig. Wenn es gereizt ist, führt dies zu Hyperaktivität und Rastlosigkeit - sowohl körperlich als auch mental. Die vom Parasympathikus gesteuerten Funktionen wie etwa Schlaf und Verdauung geraten in Mitleidenschaft, woraus nur weitere Probleme resultieren. Auch das feurige Pitta-Dosha kann gereizt sein: Es ist ebenfalls ein dynamisches Element und überall dort involviert, wo es um Leistung und Ehrgeiz geht. Schnell kann ein in solcher Hinsicht getriebener Mensch überhitzen oder übersäuern.

Was tun, um aus dieser Spirale herauszutreten? Zuallererst muss Vata beruhigt werden, damit die Energien wieder ins Gleichgewicht kommen (denn der Wind facht das Feuer an!). Die Doshas werden durch ausgleichende Massnahmen balanciert, die ihren Eigenschaften entgegengesetzt sind; Vata mit seinen trockenen, schnellen, beweglichen, subtilen, kalten, rauen und leichten Qualitäten braucht also befeuchtende, ruhige, erdige, nährende, beruhigende und wärmende Impulse aus der Nahrung und im Verhalten. Besonders jetzt, wo Raue und Kühle auch im Klima vorherrschen! Pitta braucht ebenfalls aufbauende und besänftigende Qualitäten.

Im Geist differenzieren wir noch subtilere Prinzipien: die Gunas (Rajas, Tamas und Sattva oder Trieb-, Dunkel- und Lichtkraft). Mit dem Anstieg des Vata-Doshas wird Rajas, die Triebkraft, im Geist provoziert. Ein lichtvoller, friedlicher und ausgeglichener Geist ist jedoch von Sattva dominiert. Wir können uns durch sattvische Nahrung und Verhalten quasi mental transformieren.

 

Und hier ein paar SOS-Tipps für alle, die sich gestresst fühlen:

  • Nährendes und wärmendes Frühstück als Power-Basis zum Start in den Tag
    Möglichst süsse Früchte (z.B. Birne, Banane, Trauben, Mango) zusammen mit Gewürzen (wie Zimt, Vanille, Nelken, Kardamom, Süssholz, Safran, getrocknetem Ingwer etc.) in heissem Ghee (geklärter Butter, falls nicht vorhanden kann Butter verwendet werden) andünsten. Ablöschen mit Trauben-, Birnen oder mildem Apfelsaft. Hafer-, Dinkel- oder Reisflocken sowie Mandel- oder Reismilch hinzufügen und mit Rosinen, Datteln, Mandeln oder Walnüssen anreichern. Es kann auch mit Sonnenblumenkernen oder Chiasamen etc. variiert werden. Aufkochen und ein paar Minuten leicht köcheln lassen. Am besten schmeckt's, wenn das warme Müsli vor dem Verzehr noch ein wenig nachzieht und anschliessend wohl temperiert (und je nach Geschmack noch mit Ahornsirup oder Honig gesüsst) genossen wird. Der kleine Aufwand lohnt sich! En Guete!

  • Selbstmassage zur Steigerung der Stressresilienz
    Es empfiehlt sich Bio-Sesamöl oder Mandelöl zu verwenden. Im Wasserbad auf Körpertemperatur erwärmen und den ganzen Körper liebevoll einölen und umhüllen. In etwas Warmes schlüpfen, das ölig werden darf. Ca. 30 Minuten einwirken lassen. Anschliessend duschen. Natürlich ist es noch schöner, sich von einem erfahrenen Ayurveda-Masseur oder einem lieben Mitmenschen berühren zu lassen. 
  • Yoga und Meditation
    sind die besten Methoden, um die Lichtkraft im Geist zu erhöhen und die Überbetonung der Aktivität zu regulieren. Der Yoga bietet uns dafür mannigfaltige Übungen. Ein kleines Beispiel: Chandra Bhedana, die Mondatmung zur Betonung des Parasympathikus
    Atme während ein paar Minuten durch das linke Nasenloch ein und durch das rechte aus, indem du das jeweils andere Nasenloch mit den Daumen verschliesst. Wenn die Nasengänge verklebt sind, oder Du die Übung im Liegen ausführen möchtest (Rückenlage oder rechte Seitenlage), kannst du dies auch mental üben oder dir sogar vorstellen, wie du über die ganze linke Körperseite ein- und durch die rechte ausatmest.

  • Gewürzmilch - abendliches Nerventonikum zum "Runterfahren"und für einen guten, erholsamen Schlaf

    Einen Becher Milch (Bio, nicht-homogenisiert: Z.B. Demeter oder frisch vom Bauern) und einen Becher Wasser in einem Topf zusammen mit etwas Kurkuma erhitzen und so lange köcheln lassen, bis das Wasser wieder verdampft ist. Absieben und schluckweise geniessen. (Es können z.B. auch getrockneter Ingwer, Kardamom, Fenchel, Safran, Nelken etc. mitgekocht werden. Die Gewürze wirken entschleimend und zum Teil auch zusätzlich nährend).

© Therese im November 2016

 sonne1kl

 Foto: Etang ©Yves Matiegka 2016

 

 

BLOG-REIHE: Missverständnisse und Trugschlüsse auf dem spirituellen Weg

VORWORT

Aufgrund von Rückmeldungen (Danke dafür! Sie sind mir wichtig und wertvoll) möchte ich gerne folgendes vorausschicken:

 Hoffentlich lässt sich niemand von den Texten abschrecken oder aufhalten, den Weg des Yoga einzuschlagen oder weiterzugehen. Die thematisierten Risiken stellen sich nicht konsequenterweise ein! Wer solche Schwierigkeiten also nicht kennt - go on! Enjoy. Es war und bleibt mir einfach ein Bedürfnis, auch Schattenseiten aufzuzeigen, gerade für aktuell davon Betroffene, die auf diesem Weg ein wenig Klärung finden mögen - und sehen, dass sie damit nicht allein sind.

 

Teil 3 - PERFEKTIONISMUS

"Perfektion ist erreicht, nicht wenn nichts mehr hinzuzufügen ist, sondern wenn nichts mehr weggenommen werden kann", erkannte Antoine de Saint-Exupéry. Er beschreibt damit den Häutungsprozess, den wir durchlaufen auf dem Weg zu uns selbst. Dieser Weg ist auch ein Weg zur Mitte, dem gesunden Gleichgewicht. Yoga und Ayurveda dienen uns dabei als Wegweiser.

Weil wir unterschiedlich veranlagt sind, tendieren wir nicht alle zum Perfektionismus. Es gibt den erdigen, gemütlichen Typ, sein Naturell ist langsam, beständig, gelassen und zufrieden. Er besitzt eine grosse Immunität und Resilienz. Zuweilen gerät seine Energie ins Stocken; sein Ungleichgewicht ist Stagnation. Um sich wieder auszubalancieren, braucht er etwas Pfeffer, Feuer. 

Anders verhält es sich beim Menschen, der von Natur aus schon ein hitziges Temperament mitbringt. Er möchte seine Aufgaben zielgerichtet, rasch und perfekt erfüllen, neigt zur Übertreibung, ist sich selbst stets ein Stück voraus. Wenn sein Feuer aggraviert, fühlt er sich permanent getrieben und gibt 150 %. Ändert er nichts, kann es ihn durchaus in eine Erschöpfung treiben. Burn-Out ist heute ja kein seltener Befund.

Dies zeigt, dass das Phänomen gewissermassen auch ein gesellschaftliches ist. Yoga soll uns dienen und da abholen, wo wir stehen. Ich frage mich also, ob ein strenger, asketischer Yoga in unsere Leistungsgesellschaft passt, in unser heutiges Leben hier im Westen, das im Zeitraffer und auf der Überholspur stattfindet. Wir sollten nicht übersehen, in welchem kulturellen Zusammenhang dieser traditionelle Yoga entstand und stattfand. Ging es den Menschen vor 2000 Jahren in Indien tatsächlich so wie uns? Oder würden wir besser fahren mit einer Yogaform, die zu uns im Hier und Jetzt passt, statt etwas nachzuahmen, was uns mitunter mehr von uns entfernt als nützt und heilt..?

Denn der ins Ungleichgewicht geratene Perfektionist neigt dazu, sein Streben auch auf den spirituellen Weg zu übertragen. Es ist der Typ, der sich für 108 Sonnengrüsse oder Mantrarezitationen auf die Matte knechtet, obwohl ihm womöglich dieses eine Mal ein wenig länger Schlafen oder Faulenzen besser bekommen hätte. Er agiert aus einem selbstauferlegten Druck heraus, nicht aus einem ehrlichen inneren Bedürfnis. Diese Strenge hat meist auch mit tief verankerten Prägungen aus der Herkunftsfamiliensituation zu tun.

Zweifellos gibt es unsinnigere Wege, als das innere Feuer in die spirituelle Praxis zu stecken. Manchmal braucht auch gerade ein überhitzter Mensch intensive dynamische Übungen, um Druck abzubauen. Ich sage auch nicht, dass es keinen Enthusiasmus, kein Engagement braucht. Nur haben manche von uns davon schon (zu) viel. In diesem Fall ist also ein Richtungswechsel notwendig, um wieder zur Mitte zu finden. Vielleicht hilft hier die Frage: Was tut mir wirklich gut?

"Nicht so schnell doch, geh langsam, denn du musst nirgends hin als zu dir selbst!" schrieb J. R. Jiménez. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass eine genussbetonte, sinnliche Form des Übens im Yoga sehr viel wirksamer und heilsamer sein kann als die Überbetonung der Disziplin.

Perfekt zu sein ist anstrengend. Denn es reicht nie ganz. Ich denke an den Esel, der seiner Karotte hinterherrennt. Einer meiner Dozenten an der Ayurveda-Akademie fragte die Gruppe: Was ist reich sein? Seine Antwort war, reich sein ist, wenn es reicht. Wie simpel! Und es katapultiert mich direkt in die Gegenwart, nachdem ich irgendeinem Ziel, einem Ideal blind hinterhergerannt bin, stets noch nicht ganz dort, aber auch nicht wirklich bei mir. Der Satz "Ich habe genug" drückt dies ebenfalls treffend aus, gleich doppeldeutig: Ich habe genug - von all dem Stress, aber auch von allem, was ich wirklich brauche.

Nun schliesse ich diesen Beitrag, auch wenn er sich unfertig anfühlt, mit einem Zitat von C.G. Jung. Es besänftigt und lädt ein zum Verzicht auf den Perfektionsanspruch zugunsten der Ganzwerdung.

"Ich möchte nicht vollkommen sein, sondern vollständig".

Danke, Prof. Dr. Martin Mittwede, für die Inspiration.

© Therese im März 2016

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Teil 2 - ANNEHMEN UND LOSLASSEN

Wer Yoga oder eine andere meditative Methode übt, wird mit den Begriffen Annehmen und Loslassen vertraut sein. Was grundsätzlich erst einmal versöhnlich, einladend und entspannend daher kommt, kann im Prozess auch missverstanden werden.

Ein Beispiel: Ich befinde mich in einer Lebenssituation, die sich einengend anfühlt, und mich unglücklich macht; etwas fehlt mir, ich komme nicht vom Fleck, fahre mit angezogener Handbremse. Und all dies nimmt mir das Gefühl von Lebendigkeit.

Jetzt höre ich, ich solle die Dinge nehmen, wie sie sind ("es ist halt so, wie's ist.."), versuche also, mich den Gegebenheiten zu fügen, und noch schlimmer: Ich entwickle sogar Schuldgefühle, weil ich so schwer zufrieden sein kann. Was ich nicht sehe, ist, dass ich hier gerade das Gegenteil von Akzeptanz praktiziere, ich bin nämlich im Widerstand gegen meinen Widerstand. Meine Rebellion findet im Verborgenen statt. Ein Zustand, der nur noch mehr Spannungen in Geist, Atem, Körper hervorruft, mich letztlich krank macht.

Die Frage ist also: Bin ich wahrhaftig in einem Zustand lichtvoller (sattvischer) Zufriedenheit oder ist es eher ein unbewusstes (tamasisches), resigniertes Ausharren (vgl. C.-M. Gerigk, Ayurv. Entwicklungspsychologie und frühkindliche Prägungen, 2013)? Nehme ich meine Lebensumstände in die Hand (annehmen!), gestalte sie verantwortungsvoll und selbstbestimmt, oder bleibe ich ein Sklave derselben?

Annehmen bedeutet in diesem Beispiel also vor allem auch ein prozesshaftes Zulassen von Veränderung (da, wo Veränderung möglich und sinnvoll ist), und wird so gleichsam zum Loslassen von Gewohnheit, Norm und Konformität. "Nichts ist in Stein gemeisselt", schreibt Lucia Nirmala Schmidt in "Faszien Yoga" (2015). Oder, wie der Wiener sagen würde: "Nix is fix".

Dennoch können auch aus diesem Loslassen Trugschlüsse gezogen werden. Zum Beispiel könnte ich gehört oder gelesen haben, dass Gier (rāga) und Hass (dvea) als Auswüchse von Egoismus (asmitā) und Unwissenheit (avidyā) zu DEN Leidverursachern (kleśas) schlechthin zählen (vgl. Patañjali Yoga Sutra), meiner spirituellen Entwicklung also im Weg stehen.

Als fleissiger Yoga-Schüler, der ich bin, möchte ich mich davon folglich befreien. Mein innerer Richter wird nun gieriges und liebloses Verhalten als schlecht bewerten. Kindliche Prägungen (saskāras), gut sein zu wollen/müssen, um (von den Eltern, Lehrern) geliebt zu werden und (in der Familie, der Welt) bestehen zu können, werden aktiviert und projiziert auf den spirituellen Weg (oder eine Schrift, Autorität, den Guru, etc.). In der Folge werde ich jedes einladende "Lass los" (unbewusst) als eine rigide Aufforderung missinterpretieren, und begebe mich in den Kampf gegen meine inneren Dämonen. Das Loslassen wird zum Loswerden-Wollen.

Bei allem, was ich also vermeintlich loslassen, in Wahrheit aber tunlichst vermeiden möchte, stellt sich die simple Frage: Wie kann ich etwas loslassen, das ich noch gar nicht (aus-)gehalten habe? Habe ich meinen Dämonen (der Gier, dem Zorn und Neid, der Reue, dem Hadern und Zweifeln etc.) Einlass ins Bewusstsein gelassen und ihnen ins Gesicht geschaut? Habe ich ihre Anwesenheit so lange ausgehalten, dass sie von selbst wieder gehen (ohne mir zu wünschen, dass sie gehen!)?

Loslassen setzt insofern ein Zu- und Einlassen voraus, um wieder zum Geschehen-Lassen, Fliessen-Lassen zu werden. Oder anders: Im Loslassen liegt das Annehmen. Im Annehmen das Loslassen.

Wer sich hier wiederfindet, kann also darauf achten, dass er nicht am Loslassen selbst festhält. Und sich im Annehmen dessen üben, dass er manches nicht annehmen kann.

 

© Therese im Januar 2016

 

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Teil 1 - LICHT UND SCHATTEN (-Arbeit)

Gerade in esoterischen Gruppierungen und auch in Yogakreisen trifft man häufig auf Menschen, die es als ihre Aufgabe verstehen, jederzeit mehr Licht & Liebe zu kanalisieren und der Welt damit zu dienen. Manche bezeichnen sich als Lichtarbeiter. Das hat auf den ersten Blick nichts Verwerfliches, im Gegenteil. Es braucht derlei Maximen als Motor und Kompass für die Praxis und das tägliche Denken, Fühlen und Handeln.

Schwierig wird es nur, wenn die lichtvollen Anteile unseres Daseins übertrieben hervorgehoben und idealisiert werden. Dies erzeugt ein Ungleichgewicht, da die Bewegung auf ein Extrem zugeht, während der andere Pol, unsere Schattenseite, unterdrückt - und dadurch selbstverständlich nicht eliminiert - wird, sondern aus der Tiefe wirkt, und zwar in einer destruktiven Qualität.

Diese Tendenz habe ich auch bei Praktizierenden des Positiven Denkens beobachtet, sobald sich diese Einstellung zu einem "Zwangsoptimismus" entwickelt hat. Geistige Regungen werden dann stark bewertet, negative Gedanken haben keine oder weniger Gültigkeit, sofern ihnen überhaupt Einlass ins Bewusstseinsfeld zum Zweck einer Reflexion gewährt wird.

Es liegt mir fern, die Methode des Positiven Denkens an sich herabzuwürdigen. Sie findet sich auch in den Yoga-Quellentexten (bei Patañjali). Doch erachte ich es als erheblich, dass sie nicht absolut gesetzt, sondern mit einer gewissen Wachsamkeit und Weitsichtigkeit praktiziert wird.

Mich persönlich hat das Positive Denken, besonders die Bücher von Joseph Murphy, vor vielen Jahren aus einer grossen Verzweiflung zurück ans Licht geholt. Später war ich in Kontakt mit besagten Lichtarbeitern, und empfand letztlich diese Dauereuphorie als einen unausgeglichenen Geisteszustand. Als es mir zu viel wurde, und ich die Notwendigkeit der Schattenauseinandersetzung im Sinne der Tiefenpsychologie erkannt hatte, kehrte ich dem Licht entschlossen den Rücken und durchlebte zeitweise wieder Phasen tiefer Düsternis. Welch ein Wechselbad, von jetzt aus gesehen.

Betrachten wir das Yin-Yang Symbol, so werden Hell und Dunkel von diametralen Gegensätzen zu komplementären Teilen eines Ganzen, einer Einheit. Beide Qualitäten sind gleichermassen als Keim in der anderen Hälfte vertreten. Psychologisch ausgelegt ergibt sich daraus - für eine ausgewogene Sichtweise zum Zweck der Heilung und Ganzwerdung - die Wichtigkeit, in lichtvollen Erfahrungen den Schatten nicht ganz ausser Acht zu lassen (um nicht im nächsten Moment überraschend-unangenehm überschattet zu werden) und sich in dunklen Zeiten stets des Lichts zu erinnern (und nicht ganz im "Sumpf" zu versinken).

Schauen wir mit der Yoga-Brille auf das Thema, und orientieren uns dabei am kosha (Hüllen)-Modell aus den Upanishaden, der vedantischen Sichtweise oder dem tantrischen E- und Involutionsmodell, so wird aufgezeigt, dass wir jederzeit durchdrungen sind vom Leben selbst, dass ein lichtvoller Kern unsere Essenz ausmacht, und dass es Zweck unserer Existenz hier auf Erden ist, eine Erfahrung zu machen. Schmerzhafte Erlebnisse sind Teil davon und prägen uns, können aber transzendiert werden, wenn wir sie respektieren (= berücksichtigen) und uns ihnen mutig stellen. Tun wir dies nicht, bleibt laut der Yogaphilosophie unser lichtvoller Kern, der im Innersten unser Wesen ausmacht, davon zwar unberührt, wir können diesen aber nicht mehr erkennen. Die Konflikte bleiben als unverdautes psychisches Material (im Ayurveda: āma) in manomaya kosha (der psycho-mentalen Ebene) zurück und sind wie Schlacken zu verstehen, die auch in andere Schichten hinein verzerrend wirken. Wir fühlen keine Vitalität und werden vielleicht krank, unsere intuitive Intelligenz ist eingeschränkt, und wir können keine grundlose Freude empfinden, oder nur sehr eingeschränkt. Das Licht des Bewusstseins ist verschleiert, wir sind quasi blind für das, was uns wirklich ausmacht.

Weisen wir Konflikte ab, indem wir sie loswerden wollen, entsteht der besagte Teufelskreis aus Idealisierung, Unterdrückung und Illusion. Lernen wir sie anzuschauen und auf eine Weise zu integrieren, dass wir damit leben können, verlieren sie an destruktiver Macht über uns und eine grosse Kraft wird frei. Wir werden authentischer und gelassener. Reichlich plump ausgedrückt: Die Scheisse wird zu Gold!

Abschliessend zwei typische Beispiele: Wut und Trauer. Kann ich es mir als geschulte und reflektierte Yogini erlauben, Wut zu empfinden und diese allenfalls sogar auszudrücken? Oder kämpfe ich dagegen an, intrapsychisch und/oder äusserlich in der Projektion, im Versuch das Image einer stets friedvoll und verklärt lächelnden Yogalehrerin aufrechtzuerhalten? Kann ich Trauer zulassen und so lange fühlen, bis sie zu Ende gefühlt ist, oder passt auch das nicht ins persönliche und kollektive Idealbild meiner Rolle? Wie steht es mit Gewaltlosigkeit (ahisa) und Wahrhaftigkeit (satya), den beiden erstgenannten Geboten in den Yoga Sutren? Fängt Gewalt nicht da an, wo ich mich selbst unterdrücke? Bezieht sich Authentizität nicht in erster Linie auf einen ehrlichen Umgang mit mir selbst und dem, was da zu finden ist?

Es liegt auf der Hand, dass die Verdrängung ein Schuss nach hinten ist. Letztlich ist jede Emotion nichts mehr als eine der unendlichen Ausdrucksformen der Energie (shakti). Ein gesünderer Umgang mit Wut wäre also zum Beispiel, sie zu kanalisieren und etwa rituell auszudrücken. Oder solange zu betrachten, bis letztlich ihr Kern erkennbar wird, und sie sich so in eine dynamisch-lebendige und konstruktive Lebenskraft transzendiert. Wut ist Feuer, und Feuer ist das Prinzip der Umwandlung. Vielleicht will das Leben, dass wir etwas verändern oder Neues erschaffen. Auch andere Emotionen wie Traurigkeit wollen so lange fliessen, bis sie zu Ende gefühlt sind, ohne dass wir dabei unbewusst werden und vergessen, dass wir mehr sind als die Trauer (vijñana = unterscheidende Erkenntnis).

Bleibt noch zu beachten, dass der aufgezeigte Ansatz, eben dieser versöhnliche, dem Leben und der Gesundheit zuträgliche Prozess nicht erneut missverstanden, forciert und als neuer - oder alter - Idealismus (verdeckt in neuem Kleid) - durch die Hintertür hereinschleicht!

 

© Therese im November 2015
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